by Birthe Näder

 

Sehnsüchte

 

Stille. Einfach nur Stille!

Doch in der Kakophonie in der alten Taverna an der Staatsstraße war daran nicht zu denken. Da saß eine junge, schwarzhaarige Frau neben dem Kaminfeuer, zupfte an den Saiten ihrer Kitharra und sang leise dazu. Ihre Lieder weckten die Sehnsucht der Reisenden, sie erzählte unaufdringlich und doch sehr intensiv – und glaubt nicht, dass das ein Widerspruch in sich sei, liebe Leute – von fremden Orten und Ländern, von ihren Herrschern und vom Volk. Doch die Zuhörer würden mit ihrem Verlangen leben müssen, niemand im Schankraum würde in absehbarer Zeit die Möglichkeit haben, an einen dieser Orte zu gehen. Sie waren fahrende Händler, deren Waren in den nächsten Städten verkauft werden mussten, und Arbeiter, die in den abseits der Straße gelegenen Glashütten arbeiteten. Und natürlich der Wirt und seine Mägde, die überhaupt nicht fort konnten. Nicht einmal bis in den Wald zu den Hütten der Glasner.

Die aus zahllosen runden Scheiben von einem grünlichen, stark blasenhaltigen Glas bestehenden Fenster ließen nur einen Teil des Ewigen Lichtes der Götter von Außen hinein dringen, und die in dunklem Holz – der hier im Wald gewachsenen Sudashka-Bäume1 – gehaltene Taverna wurde von den Kerzen und Öllampen nur mäßig beleuchtet. Niemand sah den Dreck auf dem abgewetzten, ebenfalls dunklen Dielenboden, den die Arbeiter herein trugen mit ihren Füßen, oder den die Gäste beim Essen fallen ließen. Hier lagen Knochen von den verzehrten Fleischstücken, Scherben der tönernen Krüge, die immer mal wieder zerbrachen bei den wilden Gelagen, oder andere verlorene Dinge. Manchmal fanden die Mädchen beim Aufräumen Gewandnadeln oder Münzen. Doch dafür war nur selten Zeit. Die Gäste interessierte es nicht, wie lange die Besucher zuvor gefeiert hatten. Wenn sie durch die niedrige Tür traten hielten sie sich für die Gebieter über den Wirt und die Mägde. Ein bisschen war es auch so. Ihr Geld bestimmte über die zurückstehenden Befindlichkeiten der drei Bewohner des einsamen Gebäudes an der geraden, alten Straße.

Me'or, der langsam aus dem Leim gehende und an den Schläfen ergrauende Wirt der Taverna Goliya Sho, verfluchte in diesen Stunden sein Leben, besonders aber seinen Vater, der ihm diese unwürdige Spelunke vererbt hatte. Irgendein Vorfahr war aus der Stadt hergekommen, an diesen Ort, der genau zwei Tagesmärsche entfernt war von der Stadtmauer und immer noch acht Stunden Fußweg vom nächsten Hof. Von dort bezog Me'or seine Nahrungsmittel, aus der anderen Richtung kam der Alkohol. Wasser mussten sie aus einem Brunnen hinter dem Gebäude schöpfen, der alle paar Jahre drohte zu versanden. Dann musste ein zierliches Mädchen dort hinunter und den Schacht wieder frei schaufeln. Oder der Sohn des Hauses; Me'or war auch schon dort unten gewesen. Es war eines der Erlebnisse, die der Wirt sich gern erspart hätte. In derart engen Umgebungen empfand er eine tiefe Angst, die irgendwo aus ihm selbst kam. Gesprochen hatte er noch nie darüber, nachgedacht schon oft. Er wusste, dass diese Wände ihn nicht erdrücken konnten, wenn nicht ein Unglück geschah. Das war in seinem tiefen Keller, in dem er einige der teureren Getränke zu lagern pflegte, auch nicht anders. Trotzdem musste er dort hinunter und das Bier herauf holen, wenn ein zahlungskräftiger Gast danach verlangte. Manchmal konnte er diese Aufgabe auf eine Magd abwälzen, doch nur dann, wenn nicht zu viele Gäste im Raum waren. Dann mussten sie alle drei ihre Arbeit machen, mussten funktionieren wie die Rudersklaven einer Kriegsgaleere. Von deren Leben und Arbeit wusste Me'or jedoch nur aus den Liedern von Sferoka, der Musikantin. Sie hatte einst ein so wirklich anders klingendes Lied gespielt. In ihrem leisen Gesang hatte sie erzählt vom Leben an Bord einer Galeere. Der Wirt gab sich keinen Moment der Illusion hin, dass Sferoka jemals an Bord eines solchen Schiffes gewesen war, doch die Beschreibungen hatten sehr bedrückend und real geklungen, so dass jeder Zuhörer in der Lage gewesen war, sich das Ruderdeck und die Strapazen der Sklaven zu visualisieren. Und an manch einem Tag glaubte Me'or, dem Gefühl eines solchen vergessenen Geschöpfs sehr nahe zu kommen. In dem Moment, wo er seinen Durst mit Bier und seinen Hunger, wenn auch nur sehr hastig, mit gebratenem Gemüse oder gar Fleisch stillte, gab der Wirt vor sich selbst zu, trotz harter Arbeit noch einen sehr privilegierten Beruf zu haben, der ihm zu jeder Zeit den Zugang zu Genussmitteln erlaubte.

Die Tatsache, dass diese Herberge genau zwischen den beiden nächsten Möglichkeiten, bequem zu lagern, gelegen war, verschaffte ihnen viele Gäste, auch die Zimmer waren oft belegt. Die Idee, seine Preise leicht zu erhöhen, war Me'or zu keinem Zeitpunkt gekommen. Er benötigte kein Geld für Luxusgüter. Dafür würde er zu einem Markt reisen müssen, und das würde vier Tage Abwesenheit bedeuten, eher fünf, würde er den Marktbesuch so gestalten, dass er mehr sah als nur diesen einen Stand mit Artikeln, die er hier nie würde kaufen können. Wer sollte dann die Taverna führen? Er hatte nur zwei junge Mägde, Mädchen, die vielleicht sogar eines Tages fort gehen würden, um zu heiraten. Deren Arbeit konnte er unmöglich auch noch machen, und er bezweifelte, dass die beiden seine Aufgaben komplett mit übernehmen konnten. Sie würden Dinge vergessen, mit denen sie nie in Berührung gekommen waren, weil sie in den Aufgabenbereich des Besitzers der Taverna fielen. Er musste frühzeitig das Essen und die Getränke bestellen, denn die Bestellung benötigte immer drei Tage, bis sie angekommen war. Oh, das Bier ist alle war zu spät. Und täglich musste Geld zur Seite gelegt werden für den Steuereintreiber. Dazu kam, dass er bald in neue Becher investieren musste, denn die alten hatten ihren Zenit deutlich überschritten.

Gedankenverloren fielen die Augen Me'ors auf die Gestalt in der Ecke. Ein Mann, schätze er, gekleidet in einen sehr langen, grauen Umhang, die große Kapuze im Gesicht hängend und den Blick offensichtlich auf sein Getränk gerichtet, vielleicht war er auch eingeschlafen. Schwierig, das vom Tresen aus zu bestimmen. Doch als würde die Gestalt in der nur wenig beleuchteten Ecke bemerken, dass der Wirt sie ansah, hob sie die Augen und wandte den Kopf langsam dem Besitzer der Taverna Goliya Sho zu.

Me'or blickte in die tiefbraunen Augen einer Venoa; sie hatte sich so getarnt, weil sie es musste, in diesen Landen. Ihr Volk war gejagt, aufgrund der Arroganz ihres ehemaligen Staates waren Angehörige dieses Volkes geächtet und wurden verfolgt. Und in diesen dunklen Augen fand der Wirt die gleichen Sehnsüchte, die in ihm aufgekommen waren. Hätte in diesem Augenblick eine Art von Vernunft in ihm Platz gefunden, genährt von der Ratio, er hätte wohl das Mädchen mit der Kitharra ergreifen und in Ketten legen lassen, um sie bei Gelegenheit für diese Lieder zu bestrafen. Lange und hart.

Doch diese Vernunft suchte man in Me'or in diesen Stunden vergeblich. Er hatte alles verloren an die dunklen Augen dort gegenüber. Nichts würde er sagen können zur Nase, den Lippen oder gar ihrer Figur. Nur die dunklen Augen mit den geschwungenen, dichten Brauen hielten ihn gefangen und ließen ihn nicht mehr los. Dies also war der Moment, in dem all seine Pläne obsolet wurden, in dem jeder jemals gedachte Gedanke der Bedeutungslosigkeit überantwortet wurde. Es fühlte sich an wie ein Abschied, daher nickte er knapp und tat, was er tun musste. Er stieg hinab in den Keller und nahm das Bündel an sich, das der Steuereintreiber bald holen wollen würde. Es war dann nicht mehr dort. Das Fernweh hatte die Münzen geholt, und in fremden Ländern wollte Me'or erst anhalten, wissend, dass der Souverän an vielen Orten nach ihm suchen würde, doch außerhalb seiner Lande nicht jagen konnte. Doch das Wort würde umgehen, dass jemand mit unglaublichem Reichtum sich auf der Flucht befand. Die Menge würde immer etwas mehr werden, doch auch die Beschreibung des Geflüchteten immer ungenauer.

Er legte den Beutel mit den Münzen auf ein Tuch und packte einige Würste und etwas Fleisch dazu. Mehr besaß er nicht, also ergriff er noch eine Trinkflasche, befüllte sie mit Bier, und stieg aus dem Keller wieder hinauf in das Wirtshaus. Er durchquerte die Küche, in der das eine Mädchen gerade etwas Fleisch zubereitete für einen Tisch. Er nahm seinen Mantel vom Haken und trat hinaus auf den Hof. Dort blickte er sich um. Aus dem Schatten der Stallungen, in denen die Aldjuqi2 der Gäste rasteten, trat das Venoamädchen hervor, noch immer in ihren langen Mantel gehüllt, die Kapuze in die Stirn gezogen. Er bemerkte, dass ihre Füße bloß waren. War sie doch eine Sklavin und nur auf der Durchreise, oder gar auf der Flucht? Verwirrt blickte er sie an; am Brunnen trafen sie sich, und sie hob den Kopf. Wieder war da dieser Blick aus den dunklen Augen, doch nun wirkte er traurig, als wolle sie Abschied nehmen.

Wer bist du, Fremde?“

Du weißt es schon“, sagte sie mit rauer Stimme. Sie wirkte plötzlich viel älter, wie etwas Magisches.

Willst du nicht mit mir fort gehen?“

Ich bringe dich fort, ja“, stimmte sie ihm zu, und Me'or verstand noch immer nicht. Fragend sah er sie an. „Ich bin der Tod.“

Sie drehte sich um ihre eigene Achse, fast wie in einem Tanz, so dass ihre Worte den Schrecken verloren. Jedoch nur so lange, bis Me'or das kurze Schwert in ihrer Hand bemerkte – und dann seine Probleme zu sprechen. Und zu atmen. Panik wollte ihn befallen, doch er vermochte sich nicht zu artikulieren noch einfach seine Angst herauszuschreien. Nichts konnte er tun, er sah nur die Welt sich zusammen ziehen, zu einem Kreis vor ihm werden, der fast vollständig von dem Venoamädchen mit dem Schwert ausgefüllt wurde. Alles schwankte, nur sie blieb immer im Zentrum des Kreises, doch plötzlich war sie irgendwie quer darin, und dann schloss sich die Welt. Und Me'or war gegangen.

Die Mägde fanden ihn Stunden später erst, ohne Kopf, ohne Mantel und ohne den Beutel.

 

Doch für ein Lied der Bardin reichte es nicht.

 

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1Laubbäume mit einem widerstandsfähigen Hartholz.

2Zottelige Reittiere.