Prolog

 

Dunkelheit war auf die Welt gefallen, und Laodia hatte den Schrecken gesehen, gleichsam etwas verwirrendes dabei erlebt. Noch immer war sie sich nicht sicher, was genau geschehen war. Was wirklich passiert war in diesen Stunden, als die Welt in Seinen Händen war und nur durch das Zusammenwirken aller Völker einem finsteren Schicksal noch einmal entrissen werden konnte. Dieses Glück würden sie nicht immer haben. Zwar zeigte sich, dass die Götter Magier gesandt hatten, die Ihn besiegen konnten, doch das hatte nur deshalb geklappt, weil Sein Heer noch nicht erstarkt war.

Die junge Richterin der Stadt der drei Ebenen, wie Tredeas genannt wurde, hatte jedoch eine seltsame Begegnung gehabt. Einer Seiner Wegbereiter hatte ihr ein Amulett geschenkt, das Laodia seither unter ihrem Gewand trug. Der schöne Krieger mit der unbeschreiblichen Macht und dem Mut eines Löwen hatte ihr versichert, dass ihr kein Unheil geschehen würde, so lange sie im Besitz dieses Schutzes war. Er hatte nicht gesagt, was er genau unter dieser Formulierung verstand, doch die Richterin war davon ausgegangen, dass ihre Ansichten in diesem Fall deckungsgleich waren; das Geschenk wäre sonst sinnlos und die Geste albern gewesen. Davon ging Laodia aber nicht aus. Er war ihr und dem Mädchen aus der Bibliothek mit wirklichem Respekt begegnet. Warum das so war vermochte Laodia jedoch nicht zu sagen. Sie waren Feinde, von wo man es auch betrachten mochte oder konnte. Er gehörte, trotz seines Auftretens, ungeachtet seiner Schönheit, zum Heer der Finsternis, der Armee Tumnata, und war einer der beiden Wegbereiter des Einen. Da gab es nur wenig Spielraum. Warum er ihr und Emiliya, der Bibliothekarin, diese Amulette geschenkt hatte, blieb sein Geheimnis. Sie wurden besiegt, bevor er es hätte aufklären können.

Und die Gedanken der Richterin schweiften ab, vom Sieg über die Zeit danach, in der sie als Richterin der Stadt gefragt war. Ohne eine Hilfe, wie Dabeya …

 

Ehemals ein König, eine Sklavin einst

Ihr Lied ist anders als du es vielleicht meinst

Gereist in tiefem Dunkel während Seiner Nacht

Und vom Herrn des Lichts nach Eljum Fia gebracht

Begründeten sie dort mit einer Händlerin

Den Tempel und den Orden der Heilerin

Kehrten ihrer Stadt auf ewig den Rücken zu

Und mit der Jagd auf sie hat es nun endlich Ruh

Denn sie stehen unter eines Gottes Schutz

Und dienen seither für des Tempels Trutz

 

Wieder war da dieses Lied, das der beleibte Barde auf dem Forum gesungen hatte, während er einige Harmonien auf seiner Ouda zu spielen wusste, die seinen lauten Gesang vortrefflich begleiteten. Immer wieder tauchte diese Erinnerung in ihren Gedanken auf. Es war, als sänge er seine Weise draußen, unter ihrem Fenster, so deutlich glaubte sie die Worte zu hören, die Melodie zu vernehmen. Keine Frage, er hatte von den Personen gesungen, die Tredeas verlassen hatten, kurz bevor die Nacht auf die Stadt gefallen war. Doch das waren mehr als diese drei Leute gewesen. Bei ihnen war eine Richterin, von der im Lied an keiner Stelle gezeugt wurde. Warum? Laodiya hatte nur einer Erklärung für ihr Fehlen: Sie war niemals in Eljum Fia angekommen. Das mochte unterschiedliche Gründe haben, doch waren in diesen Stunden, in denen die Dunkelheit die Welt in ihrem Griff gehabt hatte, viele Lebewesen gestorben. Durch die Hand der Armee Tumnata, durch Banden, durch Krieger. Die Onta waren eingefallen in den Staat der Beleni, doch bei Einbruch der Nacht hatten sie ihre Marschrichtung geändert und waren den eingeschlossenen Bewohnern von Tredeas zu Hilfe geeilt. In seiner Entstehung waren Er und das finstere Heer Tumnata noch schwach. Würden sie erst die Welt in ihrem stählernen Griff halten, so gab es kein Entkommen mehr. Nur noch die Hilfe der Götter mochte dann als Option bleiben. Doch dieser Tag war hoffentlich noch fern.

 

 

1. Kapitel

 

Als Gorza, das junge Mädchen mit den leicht schräg gestellten Augen und dem glatten, schwarzen Haar, hinaustrat in das Ewige Licht der Götter, und als sie den mächtigen, magischen Dolch Orgumoqq hinauf reckte zum fast wolkenlosen Himmel, erkannten auch die Lenker der Welt Drurka, dass ihnen da wohl etwas untergegangen war. Doch nun war es zu spät. Das war irreversibel. Alles, was sie jemals geplant hatten, war nun durcheinander geraten. Warum nur?

Da stand sie, eine Macht, derer sie sich gern bedient hätten, und die sie sich mühsam hatten heranziehen müssen. Sie besaßen Instrumente, die Probleme auf der Welt zu beseitigen, ohne ihre fruchtbaren und finalen Schläge durchzuführen. So beeindruckend diese Lösung auch war, der Einsatz der Leute, die sie als Korrektiv betrachteten, und die das wieder ausrichteten, was ihnen bei der Vorplanung irgendwie untergegangen war, durfte in jedem Fall als unauffälliger bezeichnet werden. Auch die Zahl der Opfer verringerte sich dramatisch. Das war für den Lauf der Vorbestimmung eigentlich unabdingbar.

Was da nun stolz am Hang des mächtigen Berges stand war eine Macht, die ihresgleichen noch suchen musste. Ein Mädchen, das mit keiner Waffe dieser Welt zu töten war, und eine Waffe in der Hand hielt, die von nichts aufgehalten werden konnte. Die Macht des Dolches war spürbar, und es war eine so ursprüngliche Kraft, die da aus der Klinge aufstieg, dass alle Götter den Atem anhielten. Was war das für ein Ding? Es war magisch und es war ein Lebewesen, das stand fest. Nicht alle von ihren damals konzipierten Geschöpfe konnten umherlaufen und Dummheiten machen. Da war das mächtige Buch, das ein Zauberorden dereinst als Glaubensschrift genutzt hatte, obwohl es vielmehr war als das. Da war die Feder, der Chronist, der aus allen auf ihn einströmenden Eindrücken die Dinge aufschrieb, die wirklich wichtig waren oder werden würden. Er war in den Aufständen verschwunden, und es galt als sicher, dass der unsägliche Ogiomur ihn irgendwie getötet hatte. Doch dessen Linie war inzwischen auch erloschen, und von beiden war nichts weiter geblieben als die Gedanken an sie.

Doch dieser Dolch war kein Werk der Götter. Er bestand nicht einmal aus einem Material, das den Göttern bekannt vorkam. Essem, der Gott des Feuers im Pirlan Sha, runzelte zuerst die Stirn.

Woraus besteht die Klinge?“, fragte er in die Runde. Keine Antwort, nur ratlose Blicke und Schulterzucken. „Das muss doch ein Metall sein. Was ist das? Ich kann es nicht deuten, nicht erkennen.“

Wir alle können das nicht“, erwidert Aísha da. „Es scheint nicht von dieser Welt zu sein.“

Wie haben diese Welt geschaffen“, brummte Essem. Was sie nicht in den Boden gepackt hatten, konnte folglich nicht daraus kommen. Oder war es … seine Gedanken brachen ab. Sie hatten lange an dieser Welt gebaut, wie er es nannte. Es gab diese Pläne der Ahnen, und den einen Namen: Drurka. Das hatten sie umgesetzt, und es war ganz genau so geworden, wie die Altvorderen es entworfen hatten. Alles war so, und wenn die Alten natürlich dieses Material irgendwo eingelagert haben wollten, dann kam es daher. Und es gehörte in eine Vorbestimmung, die nicht sie, sondern die ihre Ahnen schon konzipiert hatten. Warum? Und wie war das Material dann geformt worden? Diesen Dolch musste jemand geschmiedet haben. Mit einer Esse und einem Amboss, und mit den dazugehörenden Werkzeugen. Das Mädchen war ohne diese Dinge den Hang hinauf gestiegen. Was folgte daraus?

Jemand hat das Ding dort für sie zurück gelassen“, sagte er. „Es gibt eine Macht, die uns benutzt hat. Nun ist sie am Ziel. Dieses Duo wird die Welt stürzen“, sagte der Gott des Feuers plötzlich. Alle starrten vom Mädchen, das sie durch ihre Tischplatte beobachteten, hoch zu Essem.

Nein, ich denke, dass sie nur endlich jemanden gefunden hat, mit dem sie auf Augenhöhe kommunizieren kann“, warf Tushuq, der Gott des Zaubers des Tushu Udun, ein. „Sie war sehr einsam mit ihren Besonderheiten. Nun hat sie jemanden gefunden, der auch besonders ist. Ich denke jedoch, dass sie beide nicht wissen, wie besonders sie wirklich sind. Wenn doch, bekommen wir wohl ein Problem.“

Erst einmal wird diese Welt das Problem bekommen“, sagte Je-Ah, der Herr des Lichtes. „Das dort ist durch nichts auf der Welt aufzuhalten. Und ich sehe keine Macht in unseren Reihen, die das besser könnte. Warum ist das so? Wer hat diese Waffe gemacht?“

Und warum eine Waffe?“, fragte Aísha. „Die hätten das Wissen doch auch in etwas anderes schlagen können. Etwas nützliches, wie einen Kerzenhalter oder so.“

Das besitzt all die Magie, die niemals mehr die Oberfläche der Welt hätte berühren dürfen“, sagte Imja, die Heilerin, einfach um auch etwas gesagt zu haben in dieser dunklen Stunde.

Ist euch die Form aufgefallen?“, fragte Essem da. Er hatte einen bösen Verdacht.

Ja, sieht irgendwie archaisch aus. Sehr alt und ungewöhnlich“, gab ihm Diana, die Herrin von Lorgam, recht.

Der Dolch hat hinten am Griff diese eckigen Hörner“, fiel nun Siga, der Göttin des Gesangs im Pirlan Sha auf. „Das hat etwas kultisches, wie eine Zeremonialwaffe.“

Die Schwerter der Demouskaí sahen so aus“, sagte Fanya leise, und Tränen schimmerten in ihren braunen Augen. „Mit diesen Waffen haben sie unsere Familien getötet.“

Derqef blickte sich, unauffällig, wie er meinte, schon mal um nach einem etwas größeren Stein, unter dem er Mädchen und Dolch für alle Zeiten begraben konnte. Hayké, der Herr der Götter der Ersten Stunde, legte seine Hand auf die Schulter des Mannes neben ihm und schüttelte nur leicht den Kopf.

Was denn?“, wollte Derqef wissen.

Das wird nichts bringen, der Dolch kann deinen Stein zerstören“, erklärte Hayké.

Können wir denn gar nichts machen?“

Es sieht nicht gut aus“, begann Diana da. „Nein, in diesem Moment können wir noch nichts machen. Wir müssen abwarten.“

Und worauf?“, brummte Gervaq, ein Gott des Tim Besh. „Darauf, dass sie im nächsten Berg einen magischen Schild findet?“

Alle sahen ihn genervt an.

Sehr kreativ, ja“, tönte es dann von Fanya, und sie schaffte es, so wenig Begeisterung in die Stimme zu legen, wie es nur möglich war. Gervaq fand, dass sie zynisch klänge.

Vielleicht können wir sie lenken“, brachte Onshaya, die Tochter des Molash, sich ein.

Lenken? Du meinst wie der Wagenlenker den Streitwagen zu steuern vermag?“, hakte Nemeshot, der Gott der fließenden Gewässer im Dianischen Glauben, nach.

Ja, nur weniger zufällig, sondern schon geplant“, versuchte die Göttin des Ssremt-Ordens sich zu präzisieren. „Wir haben die Vorbestimmung entwickelt, dann sollte es für ein paar Schritte einer jungen Frau doch auch klappen.“

Diese junge Frau hat etwas, das die Macht der Demouskaí und unsere in sich vereint, es ist also einfach mächtiger als wir“, erklärte Aísha ruhig. „Ich habe die leise Befürchtung, dass unsere Pläne einfach daran abprallen. Diese beide da werden nun einfach ihren Weg gehen. Da können wir nur wenig machen. Es sei denn ...“

Sie verstummte und blickte mit sich verengenden braunen Augen angestrengt auf das Mädchen, das seinen Dolch vorsichtig wieder in das Leder wickelte.

Ja?“, fragte Hayké nach einer Weile gedehnt, in der sie nicht einmal geatmet hatten, aus Angst eine leise Idee von Aísha zu verpassen.

Wir könnten den Dolch instrumentalisieren“, sagte die Göttin des Tushu Udun da.

Was möchtest du uns mit deinem Orakel sagen?“, hakte Tuqum nach.

Dass wir ihr Dinge ermöglichen können, die weder sie noch ihre Waffe vermag. Zum Beispiel diesen elenden und völlig unnützen Furgomur zu töten“, erklärte Aísha ruhig.

Du willst nicht den Dolch sondern alle beide instrumentalisieren“, nickte Gervaq. Der Gott des Tim Besh fand Gefallen an der Idee. Fanya, die nicht ertragen konnte, dass sich etwas, das offensichtlich den Demouskaí gehörte oder von ihnen inspiriert war, auf der Welt befinden durfte, zog sich unauffällig zurück aus dem Kreis der Götter. Hier gehörte sie wohl wirklich nicht her. Noch hatte sie die Hoffnung, dass es Aísha gelingen würde, diese unsägliche Waffe in der Höhle des Furgomur zu verlieren. Wie das klappen sollte war ihr jedoch noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich gar nicht. Es gab nur sehr wenige wirklich sichere Orte auf dieser Welt, an denen dieses Ding aus einer anderen Zeit keinen Schaden anrichten konnte. Neben der Bibliothek in der Stadt der Bücher, die von den Wilfen geschützt wurde, und dem geheimen Versteck der Familie Shter'at, in dem zwar nichts weg kam, in das jedoch zu viele Leute gelangen könnten, blieb nur der lange, tiefe Keller unter der Burg Barrach, in der sich das Haus ihres eigenen Ordens befand. Die Ritter und das Zormat würden diesen Dolch genau so beschützen können, wie es der Berg und sein Zauber in den letzten vielen hunderttausend Jahren vermocht hatte. Alles andere war ein viel gefährlicheres Spiel als es die Gabe der Zauber an die Kreaturen der Welt einst war. Nach ihrer eigenen Logik hätten sich alle Götter gemeinsam in die Steinfeste Gurluq begeben müssen. Fanya wäre dann zwar noch einsamer geworden, als sie es ohnehin schon war, doch sie hatte immer noch das Ordeshaus, in das sie gehen konnte. Dort konnte sie mit ihren Rittern essen und sehr viel trinken, und irgendwann würde das Mädchen mit dem Dolch auftauchen und auch sie töten. Und dann war es einfach vorbei; der Gegenspieler ihrer Vorsehung – oder vielleicht wirklich nur ein sehr alter Plan ihrer Ahnen – war am Ziel. Das mochte es sein, was passieren sollte. Warum die Altvorderen nicht einen etwas schnelleren Tod für sie alle bestimmt hatten, würde allerdings deren Geheimnis bleiben.